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Donald Runnicles

Donald Runnicles ist Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin. In den Bergen Wyomings bereitet er sich auf die Proben von Zemlinskys DER ZWERG vor – und tankt Energie

Der Zwerg
Oper in einem Akt von Alexander von Zemlinsky
Musikalische Leitung: Donald Runnicles
Inszenierung: Tobias Kratzer
Mit Elena Tsallagova, Emily Magee, David Butt Philip, Mick Morris Mehnert, Philipp Jekal u. a.
24. März 2019

Wir sind in Jackson Hole in Wyoming, auf 2500 Metern Höhe, etwas südlich des Yellowstone Nationalparks. Es liegt meterhoch Schnee bei minus zwanzig Grad. Dieser Ort ist der Welt ein bisschen abhandengekommen, aber genau das zieht mich an. Meine Frau und ich sind jeden Winter hier, wir fahren Ski und Schlitten und sitzen in unserem Haus vor dem Kamin. Gerade schaue ich auf den Grand Teton, eine Bergkette der Rocky Mountains. Die Berge sehen aus wie eine riesige natürliche Kathedrale. Wenn ich sie sehe, fühle ich mich klein und wie von einem Weltwunder umgeben, mit dem wir Menschen nichts zu tun haben.

Musik ist mein ständiger Begleiter. Wenn ich durch die Wälder gehe, höre ich sie in meinem Kopf. Sie ist einfach da, ohne dass ich sie einlade. Etwa Gustav Mahler, „Das Lied von der Erde“. In dem Liederzyklus werden Berge besungen, die dort symbolisch für das Jenseits stehen. Als heute Morgen die Sonne aufging, hatte ich genau diese Musik im Kopf. Man kann so schwer beschreiben, wieso es Musik überhaupt gibt: Wo das Wort aufhört, beginnt die Musik, vielleicht, um etwas auszudrücken, das mit Worten nicht zu beschreiben ist. Ich verliere mich in der Natur und in der Musik, um eins mit der Welt zu sein.

Morgens bin ich früh wach. Oft arbeite in den ersten Stunden meines Tages, wenn alles noch ganz still ist. Gerade liegen die Partituren von DER ZWERG auf meinem Schreibtisch. Die Geschichte ist beklemmend. Es geht um Vorurteile: Wie gehen wir mit Menschen um, die anders sind? Die eine andere Hautfarbe, eine andere Identität haben? Der Mensch ist zu Bösem fähig. Der Regisseur Tobias Kratzer und ich haben uns viel darüber ausgetauscht, warum man Oper überhaupt macht. Kratzer meint, Oper muss immer auch für junge Menschen relevant sein. Inwieweit sieht er sich in diesen Figuren? Darüber denke ich auch nach. Ich liebe die Musik von Alexander von Zemlinsky zum ZWERG. Sie ist der Welt von Gustav Mahler sehr nahe, die Komponisten waren Zeitgenossen.

Im Sommer verbringe ich meist zwei Monate hier in Wyoming. Ich bin Chefdirigent und künstlerischer Leiter des Grand Teton Music Festival. Wir laden etwa 250 Musikerinnen und Musiker ein, die über den Sommer hier Konzerte geben. Wir spielen viel Mahler, manchmal Wagner. Ich neige zu Musik, die eine spirituelle Ebene hat, das passt zu dieser Umgebung: Man kommt nach einer Mahler-Sinfonie aus dem Konzertsaal, schaut auf die Berge – und erlebt genau die Erhabenheit, die man gerade im Saal gefeiert hat. Natur und Musik ernähren mich. Diese Landschaft, diese Luft, das Licht, all das gibt mir nach einer intensiven Spielzeit wieder Energie, denn ich reise ziemlich viel. Manchmal gibt es herausfordernde Situationen, wenn etwa ein Regisseur eine Vorstellung von einem Charakter hat, der mit der Musik für mich nicht übereinstimmt. Im Englischen sagt man: A challenge is either a problem or an opportunity. Ein Konflikt kann ein Problem sein oder eine Gelegenheit, sich zu verbessern. Teamarbeit ist für mich das Wichtigste. Ich versuche immer konstruktiv zu sein, mit den Musikern, den Regisseuren, meinem Team, dem Orchester, dem Intendanten. Wir reden über alles, bis wir gemeinsam an ein Ziel kommen. Das ist uns, glaube ich, sehr gut gelungen in den vergangenen Jahren. Die Monate in Wyoming erinnern mich daran, warum ich diesen Beruf überhaupt mache. Ich bekomme neue Energie, wie ein Akku, der neu geladen wird.